Vollkaskomentalität in Deutschland

Hagelkörner

Die Vollkaskomentalität in der Sachversicherung.

In Zeiten des digitalen Wandels, gfeldüberschwemmten Märkten und scheinbarem unerschöpflichen und nahezu göttlichen Wachstums steht die Versicherung vor ernstzu- nehmenden Problemen.

Das Beunruhigende ist nicht etwa die von den Gesetzgebern geforderten Eigenkapitalquoten oder die Weiterbildungsvorschriften. Es ist die Wirtschaft selbst, die die tödliche Spirale beschleunigt, die sich wie eine Anakonda um die Zahlungsfähigkeit schlängelt und jeden Moment den Geldhahn zu zerbrechen erscheint.

Es ist ein Phänomen, oder wenn man so möchte, eine Ideologie die nicht erst seit geraumer Zeit die Beteiligten der Schadenfallbearbeitung beschäftigt. Es nennt sich „Vollkaskomentalität“. Es beschreibt die unerschöpfliche Renditegier von Investoren zum Leidwesen der Assekuranz und nicht zuletzt, welches häufig vergessen wird, des Menschen.

„Eine Immobilie für die Altersvorsorge und für die Kinder, damit sie es einmal besser haben. Versichert, damit meine Vorsorge nicht dem Feuer oder Wasser zum Opfer fällt und auch nicht die Vorsorge meines Nachbarn.“

So oder so ähnlich sind die Motive der 60er bis 80er Jahre gewesen, wenn ein Haus erworben oder gebaut und versichert wurde.

Risikoausgleich im Kollektiv. (Der Grundgedankte, schürend aus einem Historischen Feuer in London, welches nicht nur Leben sondern auch Existenzen geraubt hatte.)

Heute, stehen diese Häuser noch, sind noch versichert und in einem dem Alter entsprechendem Zustand. An dieser Stelle ist die so idyllisch wirkende und nahezu traumhafte Geschichte einer aufbauenden Generation, die sich um ihre Nachkommen gekümmert haben, leider nicht vorbei.

Denn, wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten.

Auf der Suche nach Arbeitskräften, die das Land wieder aufbauen und den damit einhergehenden ökonomischen Auswirkungen, sind nicht nur Gastarbeiter sondern auch Investoren auf das so gebeutelte Land Germany aufmerksam geworden. Bahnbrechender Wachstum, Milliarden an Geldern, investiert in Immobilien und Infrastruktur.

Es wäre anmaßend zu behaupten, das Motiv wäre damals jenes gewesen, welche Auswirkungen wir nun haben. Jedoch musste es erwähnt werden, um die Wurzel zu verfolgen um zu verstehen, aus welchem Grund die Blätter nun auch im Juli fallen.

“Die Ursachen für Verluste bleiben weiter bestehen. Ausschlaggebend für die Misere sind nicht in erster Linie der harte Wettbewerb oder zunehmende Schäden durch den Klimawandel. Die entscheidenden Faktoren sind die anwachsenden Risiken wegen Alterung der versicherten Gebäude, Schwächen in der Tarifierung und der Konstruktion des Produktes sowie den Vorgaben bei der Schadenabwicklung.“ (Dr. Klaus Hoffmann und Prof. Dr. Jürgen Weyser (2012) Die Vorgaben bei der Schadenabwicklung.)

Der Zahn der Zeit nagt an allem, und entsprechend sind die Zustände der Erbauten und in den Händen von Großinvestoren befindlichen Liegenschaften. Und an dieser Stelle kommt die Versicherung mit ihren ebenfalls steinzeitlichen Prämien und Bedingungsmodellen ins Spiel.

Treffender ist der Begriff der „Sanierungshilfsvereinigung“.

Die im schweren Wartungsstau befindlichen Gebäude werden mit jedem Schaden ein Stück moderner. Wer einwenden möchte, dass leidlich der schadenbedingte Anteil versichert ist, fällt der Tücke der technischen Entwicklung zum Oper. Im Laufe der Jahre sind viele Technische Regeln überarbeitet und vor allem für die Nachhaltigkeit verbessert worden. Und so wird aus einem kleinen Leitungswasserschaden in einem Badezimmer, nach den Aktuellen Regeln für die Abdichtung von Nasszellen, schnell ein modernes Badezimmer. Schnell noch die Fassade streichen lassen, den Boden im Flur neu verlegen lassen und der Eigentümer hat aus seinem unteren Standard einen gehobenen Standard geschaffen. Selbstverständlich ist die Mietsteigerung einhergehend.

Doch das Erschreckende ist nicht die allgemeine Praktik, sondern vielmehr die Konsequenzen.

Anstatt im Risikomanagement diese Art von Gebäuden auszusortieren bzw. die Prämien zu sanieren, werden die Kostenschrauben bei den beteiligten Protagonisten gestellt.

17 Besichtigungen in zwei Tagen, berichtet uns ein Kollege.

17 Eigenheimbesitzer die einen Schaden gemeldet haben. Mehr als 17 Menschen deren Existenz bedroht ist. Und 17 Familien die sich in einer Stress- und Ausnahmesituation befinden.

Doch wenn man sich an die Arbeitszeitvorschriften hält, bleibt mit Fahrzeiten nicht mehr als 20 Minuten Zeit pro „Fall“ um mit den MENSCHEN eine Lösung für ihr Problem zu finden.

Abgesehen vom zeitlichen Druck, ist es für eine Person die nicht durch Opportunismus aussticht immens belastend, sich aufgrund seiner eigenen ökonomischen Situation der ethischen und moralischen Verpflichtung der Hilfeleistung zu entziehen.

Ein Regulierer oder Sachverständiger verfügt über weitreichende Kontakte zu Handwerkern und Betrieben, die mit der richtigen Anleitung dem Geschädigten Abhilfe leisten können.

Der Kostendruck verhindert es, dass er sich nicht ausreichend um die Belange kümmern kann.

Wie würde selbiger handeln, wenn doch die Existenzgefahr an ihn übertragen würde?

Und so wird die Schlange sich weiter schlängeln, bis der Rattenfänger von Hameln das Lied der Schlangen spielen kann.

Und so ist es gekommen wie es musste und böse Zungen behaupten, dass es gewollt war.

Die Fachleute wenden sich von der Assekuranz ab und arbeiten in der freien Wirtschaft für die Investoren und spielen David gegen Goliath, mit der Analogie des Endes von Goliath.

Abschlussbemerkung

„ Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. […] Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten.“ Ruskin.

Die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Zeilen treffen exakt die Brisanz und nicht verwunderliche Auswirkungen.

Doch die Lösung dieses dem Grunde nach sehr ethischen Problems ist so nah wie nie geglaubt und doch zu fern.

 

Florian Schachtsiek

Quelle:
Condus GmbH

 

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