Ist die verbundene Gebäude- Versicherung in einer Sackgasse?

Wie mittlerweile jeder in unserer Branche weiß, bewegen wir uns in einem Versicherungsbereich, welcher seit einigen Jahren als defizitär zu bezeichnen ist, mit der Folge, dass an den Rahmenbedingungen kontinuierlich gearbeitet wird.

Die Kostenquote im Schadensbereich ist bei den meisten Versicherern derart hoch, dass eine wirtschaftliche Kontinuität als Ziel einer theoretisch gewinnorientierten Unternehmung in Frage gestellt werden muss.

Dringender denn je sind Lösungswege aus diesem Dilemma gefragt.

Die einen Versicherer kaufen sich Sanierungsbetriebe, die anderen versuchen ihr Glück mit eigenen Regulierungsabteilungen. Beide Modelle sind prinzipiell gut gemeint aber verfehlen zum großen Teil die in sie gesetzten Erwartungen. Auch die in Kooperationsverträgen gebundenen Sachverständigen tun sich in der Umsetzung dieser Herkulesaufgabe schwer.

Meiner Beobachtung zur Folge, stehen viele Sachverständige und Sachverständigenorganisationen unter einem enormen Kostenreduktionsdruck, an welchem sie gemessen werden.

(Ich verzichte an dieser Stelle ganz bewusst darauf, Namen ins Rennen zu werfen).

Der Erfolg ist dadurch langfristig als zweifelhaft einzustufen, da sich der Druck nur nach unten verteilt.

Die bestehenden Spielräume können in einer derart angespannten ökonomischen Situation nicht mehr genutzt werden. Jeder der Beteiligten verfällt in eine Art Totenstarre, um nur nichts falsch zu machen. Daraus entstehen die aberwitzigsten „ich mache meinen Dienst nach Vorschrift“ Situationen.

Rettungsobliegenheiten werden nicht mehr schnellstmöglich ausgeführt, da die Sachverständigen erst einmal die Angebote prüfen und vergleichen, danach wird teilweise der Orientalische Teppich ausgebreitet (wenn es überhaupt noch dazu kommt). Alle Beteiligten denken das Richtige zu tun, nämlich Kosten zu reduzieren.

Aber gelingt dies auch, wenn ich immer nur nach dem billigsten / preiswertesten Ausschau halte.

Ein Blick in die Vergangenheit kann manchmal auch eine Vision für die Zukunft darstellen. Bereits im 19. Jahrhundert beschäftigte sich der Kunsthistoriker und Sozialreformer John Ruskin mit den Verkrüppelungen, sowohl menschlicher Tugenden als auch künstlerischer Schaffenskraft. Er trat für eine Wirtschaftsethik ein, in deren Mittelpunkt der Mensch stehen sollte und bei der handwerkliche Arbeit als schöpferischer Wert betrachtet werden sollte. Ein Ruskin zugeschriebenes Zitat hat es zu einer gewissen Popularität gebracht und trifft den Nagel auf dem Kopf.

„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld. Das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.“

Es ist an der Zeit, einen Paradigmenwechsel anzustreben und gemeinschaftlich an Lösungswegen zu arbeiten.

Die einseitige Kostenreduktion ist langfristig eine Sackgasse, da sie dem eigentlichen Problem nicht gerecht werden kann. An dieser Stelle möchte ich auf einen bemerkenswerten Auszug aus der Zeitschrift Versicherungswirtschaft hinweisen, erschien im Heft 12 Ausgabe Juni 2012,  geschrieben von Dr. Klaus Hoffmann und Prof. Dr. Jürgen Weyser.

„Die Ursachen für Verluste bleiben weiter bestehen. Ausschlaggebend für die Misere sind nicht in erster Linie der harte Wettbewerb oder zunehmende Schäden durch den Klimawandel. Die entscheidenden Faktoren sind die anwachsenden Risiken wegen Alterung der versicherten Gebäude, Schwächen in der Tarifierung und der Konstruktion des Produktes sowie den Vorgaben bei der Schadensabwicklung.

Die Ursachen für die Verluste in der Wohngebäudeversicherung werden voraussichtlich auch in den nächsten Jahren erhalten bleiben. Durch die Alterung der Bestände und die Entwicklung der Reparaturkosten werden die Schadensätze für Leitungswasserschäden weiter steigen. Angesichts einer Unterdeckung von fast 20 Prozent im Markt ist nicht zu erwarten, dass eine durchgreifende Besserung durch die Erhöhung des Tarifniveaus im Neugeschäft zu erreichen ist. Daher ist eine Verbesserung der Ertragslage in der VGV nur dann zu erzielen, wenn neue Wege bestritten werden.“

Langzeitiger Erfolg kann nur über eine ganzheitliche Einbindung aller Informationen stattfinden.

Wir müssen bereits in der Planungsphase einer Immobilie dazu übergehen, schaden-reduziert zu planen und zu bauen. Die technischen Möglichkeiten bestehen bereits seit Jahren, nur die Notwendigkeit haben Bauherren und Architekten in Deutschland nicht erkannt. Immobilien im Bestand sollten durch einen Hausscheck auf ihre Risikogruppe hin überprüft werden und dies wiederholt.

In der Realität fehlt es an Fachwissen in den Verwaltungen, die technische Beschaffenheit in Verbindung des Gefahrenpotentials einer versorgungstechnischen Anlage zu analysieren. Auch stellt die laufende Instandhaltung in unserer schnelllebigen Zeit ein drastisches Gefahrenpotential dar. Der immer schnellere Eigentümerwechsel, vor allem großer Immobilien-Portfolios, lässt die Instandhaltungsrücklage als ökonomischen Spielraum bei Veräußerungen verkommen.

Die Folge, es wird maximal noch die Fassade gestrichen und der Rest fällt unter den Tisch oder bildet eine Verhandlungsmasse bei der nächsten Veräußerung.

Alles unter dem Deckmantel der Gewinnmaximierung für Anleger.

Eine nachhaltige Bewirtschaftung in dem die Instandhaltungszyklen für Immobilen noch eine Rolle spielen, ist unter diesen Marktbedingungen kaum möglich.

Es drängen sich eine Vermehrung mangelnder Instandhaltung und bauliche Fehler im Sanierungsfall auf.

Wo ziehen wir einen Trennstrich zwischen baulichen Mangel, Vernachlässigung und versichertem Schaden.

Die Grenzen sind fließend und bringen uns, in immer näheren Abständen, in Gewissenskonflikte. Auf der einen Seite soll kostenreduziert gearbeitet werden, auf der anderen Seite ist das Urteil des Sachverständigen abzuwarten und last bat not least haben wir es auch mit Menschen zu tun, welche sich in einer Vollkaskoerwartung befinden.

Konfliktpotentiale auf allen Ebenen und diese nicht zu knapp.

Die Erwartungshaltungen an Sanierungsbetriebe und Sachverständige sind sehr hoch und darüber hinaus darf es auch nicht mehr kosten als der ortsübliche Handwerker.

Jedoch gibt es die Fachrichtung Versicherungswirtschaft in der Handwerksrolle nicht, auch derartige Lehrgänge im Bereich der Meisterausbildungen sind nicht bekannt. Ein Betrieb muss seine Mitarbeiter kostenintensiv ausbilden und schulen, denn den Berufsabschluss des Trocknungstechnikers gibt es auf dem deutschen Markt einfach nicht.

Auch die angewandten Bautechniken und verwendeten Materialien lassen kaum den Rückschluss zu, dass eine fachgerechte Trocknung nach den anerkannten Regeln der Technik in der Zukunft einfacher werden wird.

Aus meiner persönlichen Tätigkeit herraus, kann ich nur hoffen, dass es Entscheidungsträger in der Versicherungswirtschaft gibt, die den ganzheitlichen Ansatz des Problems aufnehmen und sich zusammen mit Sanierern, Sachverständigen, Handwerkern, FM- Dienstleistern und den Eigentümerverbänden an einen Tisch setzen.

Sollte dieser Paradigmenwechsel nicht vollzogen werden, kann dies nur nachteilig für die gesamte Wirtschaft sein.

Es ist langfristig nicht verständlich, dass die VGV als Sanierungsersatz der Immobilienwirtschaft missbraucht wird.

Ebenso ist es nicht zu akzeptieren, dass Sanierungsbetriebe und Sachverständige gegeneinander auf dem Markt antreten. Nur der Schulterschluss und die Bündelung der einzelnen Kompetenzen können zu einer nachhaltigen Lösung führen.

Leider sind wir heute noch weit davon entfernt. Der Kampf um kontinuierliche Arbeit tobt weiter und irgendwie versuchen wir uns mit der Situation zu arrangieren, unter dem Motto mal gewinnt man und mal verliert man.

Eine konzeptionelle Arbeit zur Schadensvermeidung und -vorbeugung findet nicht statt.

Was wäre, wenn der Mensch wieder im Mittelpunkt steht.

Apropos Mensch, der demografische Wandel wird wohl auch dieses Problem auf dem natürlichen Wege lösen.

 

Matthias Härtl

 

Quelle:
Condus GmbH

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Matthias Härtl

Personen Zertifiziert Sachverständiger für Sach- & Haftpflichtschäden nach der Prüfungsordnung PersCert, durch den TÜV Rheinland
Qualifizierter Sachverständiger für Brand & Explosionsdelikte Geprüft durch ZERT Vereinigung zertifizierter Sachverständiger in der Europäischen Union EWIV
freier verbandsgeprüfter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden Fachbereich: SHK & TRLWI Geprüft durch ZERT Vereinigung zertifizierter Sachverständiger in der Europäischen Union EWIV

 

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